Dienstag Nachmittag
Sin starrte das Telefon an. Gleich würde es wieder unentwegt klingeln, und die Leute am anderen Ende der Leitung sagen, wie schlecht der Service doch sei und warum sie eigentlich viel lieber fliegen würden!
Der
Zeiger seiner Armbanduhr rückte unaufhaltsam auf die 15 Uhr-Marke zu. In
seinem Dienstplan stand, dass er dienstags von 15 bis 16 Uhr telefonische Auskünfte
erteilen müsse. Wie sehr er das hasste! Noch fünf Minuten Zeit. Sin
stand auf und ging zum Fenster seines Büros, das im vierten Stock lag und
einen schönen Blick über den Vorplatz erlaubte.
Merkwürdig,
dachte er sich. Heute waren erstaunlich wenige Leute unterwegs, die mit ihren
Koffern herumirrten und verzweifelt an den Türen rüttelten. Sin machte
das nichts mehr aus. Früher wäre er nach unten gegangen und hätte
entweder den Familien mit ihren schreienden Kindern, Tüten und Taschen
oder den Geschäftsleuten, die nur eine Aktentasche bei sich hatten, lang
und breit alles erklärt. Aber nachdem einige handgreiflich wurden, blieb
er lieber oben in seinem Büro und beobachtete das ganze Geschehen von oben.
Verträumt schaute er den Schneeflocken hinterher, die nur unter dem Schein
der vereinzelt aufgestellten Laternen sichtbar wurden.
Rrrrrring!
Sin erschrak und drehte sich zum Telefon um, das wie wild klingelte und fast
vom Tisch tanzte.
"Berlin Hauptbahnhof. Information. Guten Tag. Meine Name ist Gechen, was kann ich für Sie--", wollte er seinen Spruch herunterleiern. Doch bevor er den Satz zuende gesprochen hatte, ergoss sich ein ungeheuer lautes Gebrabbel in sein Ohr, das nur aus wüsten Beschimpfungen und Beleidigungen zu bestehen schien. Sin seufzte und bemühte sich, den Anrufer zu beruhigen und zufrieden zu stellen.
Scccchhhhhh....
Krrrhhhh...... Schhhhhhhh. Sin öffnete langsam ein Auge. Was war das
für ein Geräusch? Er musste eingeschlafen sein. Die eine Stunde Telefondienst
am Dienstag Nachmittag nahm ihn immer so sehr mit, dass er danach sofort einschlief.
Er schaute auf seine Uhr. 19 Uhr! Ach Du meine Güte! Er hatte fast drei
Stunden geschlafen.
Scchhhhhh.
Da war wieder dieses Geräusch. Sin ächzte, als er sich aus dem Bürostuhl
erhob. Er schlich langsam zur Tür und öffnete sie vorsichtig einen
Spalt. Wie kleine Geister huschten vor seinen Augen die Putzmänner auf
ihren Maschinen vorbei, nur dieses leichte Zisch-Geräusch erzeugend.
Sin beschlich
ein latentes Gefühl der Hektik. Er hätte längst auf seinem täglichen
Rundgang sein müssen. Er dachte an die Eiseskälte in der Halle und
entschloss sich, heute die warme Daunenjacke anzuziehen. Als er seinen Garderobenschrank
öffnete, fiel sein Blick auf die neue Uniform, die er morgen Abend das
erste Mal anziehen würde. Fein säuberlich hing sie wie ein Fremdkörper
in seinem grauen Spind, bei dem die Farbe schon an den Ecken abgeplatzt war.
Ein dunkelroter, samtartiger Stoff mit goldenen Knöpfen, die seine Initialien
trugen. Dazu passend ein weißes Hemd, auf dessen Brusttasche mit einem
geschwungenen Schriftzug ebenfalls sein Name gestickt war.
Sin trat
in die dunkle Halle und fröstelte. Sein Atem kondensierte sofort und erzeugte
abertausende von kleinen Schneekristallen, die wie Watte zu seinen Füßen
fielen. Er blickte auf seine dunklen Schuhe, die im Schein der Notbeleuchtung
matt glänzten. Der Schnee schmolz und bildete einen kleinen See, in dessen
spiegelglatter Oberfläche sein müdes Gesicht mit einem kleinen Lächeln
in den Mundwinkeln zu sehen war. Morgen würde alles anders werden.
Tock-tock!
Sin kniff
die Augen zusammen. Nur mühsam konnte er die Gestalt erkennen, die völlig
eingeschneit vor den verschlossenen Eingangstüren stand und wie wild an
die Scheibe klopfte. Dass diese verdammten Reisenden nicht lesen konnten! Dabei
hatte er doch voller Hingabe alles handschriftlich auf einen Zettel geschrieben,
20-fach kopiert und an jede Tür gehängt.
Tock-tock-tock!
"Jetzt
reicht es aber", dachte sich Sin und rannte förmlich in Richtung des
immer lauter werdenen Klopfens. Er schloss die Tür auf und sah vor sich
einen Mann, der einen Reiseführer in der Hand hielt und ihn mit großen
Augen ansah.
"Hören
Sie", sprudelte es aus Sin heraus. "Heute ist Dienstag! Der Bahnhof
ist geschlossen. Kommen Sie morgen wieder. Dann fährt bestimmt auch Ihr
Zug".
Der Mann
runzelte die Stirn und schaute ihn ungläubig an.
"Das
haben Sie jetzt nicht wirklich gesagt".
"Sagen
Sie, sind Sie schwerhörig? Hier fahren nur mittwochs Züge ab. Seien
Sie doch froh, dass heute Dienstag ist. Hier haben schon Reisende am Donnerstag
geklopft, die ich für eine Woche nach Hause schicken musste."
"Aber
das ergibt doch keinen Sinn. Ein Bahnhof, bei dem nur mittwochs Züge fahren.
Wo gibts denn so was?"
"Tjaaaa",
Sin machte eine kurze Pause, bevor seine Arme zu kreisen anfingen und er auf
die Gleise im Untergeschoss zeigte.
"Das
ist die Wurzel allen Übels. Und das dort auch". Er zeigte auf die
lange Glashalle, die im oberen Teil des Gebäudes den Bahnhof durchschnitt
und quer zu den Gleisen im Untergeschoss verlief. Noch
zu gut erinnerte sich Sin an den Tag im November 2006, als die Hautpverwaltung
gerichtlich dazu verdonnert wurde, die Decke im Untergeschoss zu erneuern, weil
sie ohne das Einverständnis des Architekten einfach anders ausgeführt
wurde. Im Jahr darauf musste dann auch noch die obere Glashalle verlängert
werden, weil sie aus Zeitgründen einfach kürzer gebaut wurde.
"Hier
mussten ein paar Umbaumaßnahmen durchgeführt werden", erklärte
Sin jetzt mit Worten sein hektisches Herumfuchteln mit den Armen.
"Und
das war so teuer, dass die Hauptverwaltung sich vor vier Jahren dazu entschlossen
hatte, aus Kostengründen hier nur noch mittwochs Züge fahren zu lassen.
Der Bahnhof ist als von Donnerstag bis Dienstag geschlossen. Guten Abend."
Sin zog schnell die Tür zu und schloss sie ab, bevor der Mann etwas antworten konnte.
Mittwoch Morgen
Sin
blickte auf die Uhr. Er war kurz vor 6 Uhr morgens. Vor dem Bahnhof hatte sich
eine große Traube von Menschen gebildet, die gleich um Punkt 6 Uhr durch
die Türen strömen würden. Er kannte den Fahrplan in- und auswendig.
Der erste Zug fuhr um kurz nach 6 Uhr von Gleis 8 nach München und der
letzte kam um 23 Uhr 30 aus Stuttgart an auf Gleis 13.
Um
Punkt 6 Uhr schloss er die Tür auf, und die Reisenden strömten wie
ein Wildwasserbach an ihm vorbei in Richtung der Gleise im Untergeschoss und
in der hoch oben thronenden Glashalle.
Sofort füllte sich die eben noch mit einer Grabesstille erfüllte Eingangshalle
des Bahnhofs mit Leben. Sin erkannte die Reisenden, die regelmäßig
am Mittwoch Morgen kamen und in immer den gleichen Zug einstiegen.
Da
war der kleine Junge, der von seiner Großmutter zum Zug gebracht wurde.
Oder der Geschäftsmann, der ständig in sein Handy irgendwelche Anweisungen
an seinen Steuerberater brüllte. Es schien etwas mit Aktien zu tun zu haben.
Sin verstand davon jedenfalls kein Wort.
Er
stellte sich auf die Zehenspitzen, um besser über die Menschenmenge schauen
zu können. Dort hinten kam sie schon! Das junge Mädchen mit der Aktentasche
und der Planrolle unter dem Arm. Schon von weitem sah er ihren gehetzten Gesichtsausdruck.
"Komm
schnell", flüsterte Sin sich selbst zu. "Dein Zug fährt
in 10 Minuten".
Als
sie an ihm vorbeiging, konnte er den Duft ihrer Haut spüren. Selbst mit
geschlossenen Augen würde er es fühlen, wenn sie an ihm vorbeigehen
würde. Sin sah ihr hinterher, wie sie sich durch die Menschenmenge in Richtung
Gleis 3 kämpfte. Er lächelte. Heute würde alles anders werden.
Sicherlich, er würde den Bahnhof vermissen. Er würde vielleicht sogar
den regelmäßigen Telefondienst und die damit verbundenen Erklärungen
zu den Öffnungszeiten des Bahnhofs vermissen. Und vielleicht sogar den
Geschäftsmann mit seinen Aktien. Aber er hatte sich dazu entschlossen,
sein Leben zu ändern. In einer anderen Welt.
Sin
schaute verträumt auf die Anzeigentafel. Er hatte das Mädchen aus
den Augen verloren. Aber er wusste, dass er sie heute abend wiedersehen würde.
20 Uhr 43 auf Gleis 2. Wie unglücklich sie in den lezten Wochen ausgesehen
hatte, als sie den Zug aus Hamburg verließ. Müde und abgekämpft.
Seit drei Wochen aber war sie wie ausgewechselt. Jeden Mittwoch Abend stand
er dort. Dieser Junge, der schon 30 Minuten vor der Einfahrt des Zuges auf dem
Bahnsteig auf sie wartete. Manchmal hatte er eine Sonnenblume dabei. Und stets
ein Lächeln im Gesicht, voller Vorfreude darauf, sie in seine Arme zu nehmen.
Sin warf einen letzten Blick auf die Menschenmenge und ging zu seinem Büro, um seine Koffer zu packen.
Mittwoch Abend
Sin hatte
Angst. Nicht nur vom Kofferpacken standen ihm Schweißperlen auf der Stirn.
Heute abend würde er das erste Mal seit fünf Jahren diesen Bahnhof
verlassen. Bisher hatte er immer alles hier kaufen können. Im 1. Untergeschoss
gab es einen Supermarkt, im Erdgeschoss hinter dem Eiscafé einen Herrenausstatter.
Alles was das Herz begehrte. Hinderlich war natürlich, dass die Geschäfte
nur mittwochs öffneten. Aber Sin hatte sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt.
Ein letztes
Mal machte er das Licht aus, schloss die Tür ab und hängte einen Zettel
mit dem Aufdruck "Büro für immer geschlossen" an die Tür.
Er stand
auf dem Bahnhsteig mit den Gleisen 1 und 2, der in seinen Augen die Abstellkammer
des Bahnhofs war. Es waren die einzigen Gleise im Bahnhof, die nicht einen großzügigen
Luftraum über sich hatten. Als wolle der Bahnhof Sin noch einmal die kalte
Schulter zeigen, um ihm den Abschied leichter machen. Er blickte auf seine Armbanduhr,
die im matten Silber wunderbar zu seiner neuen dunkelroten Uniform passte. Sin
lächelte, als er sich im verschwommenden Spiegelbild einer Werbetafel sah.
Wie adrett er mit seiner neuen Uniform doch aussah!
"Entschuldigung!
Darf ich mal bitte durch?"
Sin drehte
sich um und erkannte den Jungen, der jeden Mittwoch Abend das hübsche,
schwarz gekleidete Mädchen abholte. Heute jedoch hatte er ein Sammelsurium
von Koffern und Taschen in allen möglichen Größen bei sich.
Der Junge blieb vor dem Wagenstandsanzeiger stehen und studierte den bunten
Plan.
"Du
weißt doch, wo sie sitzt. Wie immer im hinteren Speisewagen", flüsterte
Sin in sich hinein, während er ungeduldig auf seine Uhr schaute und mit
der Bahnhofsuhr verglich.
Plötzlich füllte sich sie Anzeigentafel direkt über ihm mit Leben, das Signal an seiner Seite sprang auf Grün und der vor ihm liegende dunkle Tunnel wurde durch die drei hellen Augen des Zuges erleuchtet. Eine sanfte Luftwelle, die der Zug vor sich herschob, erreichte ihn und ließ ihn erschaudern. Der Zug verlangsamte und blieb mit dem hinteren Speisewagen direkt vor ihm und dem Jungen stehen.
Mittwoch Nacht
Kaaaaanipps.
Sin lochte die Fahrkarte eines Reisenden und schaute nach draußen. Es
war stockdunkel, und er konnte nur mühsam einige Häuser in der Ferne
sehen, deren erleuchtete Fenster wie auf die Erde gefallene Sterne funkelten.
Kaaaaanipps. Sin drängelte sich zwischen zwei auf dem Boden sitzenden
Reisenden durch bis zum nächsten Wagen.
"Guten Abend, die Fahrscheine bitte". Sin drehte sich zur Seite und blickte direkt in das Lächeln des jungen Mädchens. Sie saß neben dem Jungen und hielt ihm erwartungsvoll und mit einem Strahlen im Gesicht die Fahrkarte hin.
"Herzlich
willkommen im neuen Mittwochszug". Sin musste nun auch lächeln.
"Dieser
Zug hält als nächstes in einer Woche. Nächsten Mittwoch erreichen
wir Kairo. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Fahrt."
Diese Worte
kamen ihm noch schwer über die Lippen, so ungewohnt klangen sie in seinen
Ohren. Während er sprach, hörte ihm der Junge schon gar nicht mehr
zu, sonderen zerrte eine kleine Trommel aus einer seiner unzähligen Taschen
hervor und fing leise an zu spielen.
Kaaaaanipps.
Sin schaute auf die Fahrkarte mit dem Aufdruck "Berlin-Sydney einfache
Fahrt" und gab sie den beiden zurück.
Das Mädchen
vertiefte sich wieder in eines ihrer unzähligen Bücher, die sie vor
sich auf dem Tisch gestapelt hatte.
Als Sin in den nächsten Wagen ging, fiel sein Blick auf das Buch mit den meisten Eintragungen. Es trug den Titel: "How to manage a restaurant".