"Ich fahre nochmal kurz runter in den Ort". Ehe seine Mutter etwas antworten konnte, hatte er schon die Tür ins Schloss geworfen und sich auf sein neues Klapprad geschwungen. Stolz blickte er auf das neue orangefarbene Fahrrad, das er letzte Woche zum Abschluss der 1. Klasse bekommen hatte. Die Schatten seiner wild auf den Pedalen wirbelnden Füße verschmolzen auf dem Gehweg mit dem lustigen Schattenspiel der Bäume und ihrer Blätter.
Als er den Berg hinaufradelte, blickte er an den Bäumen hoch, die rechts und links der Straße standen. Merkwürdig, warum hatten sie auf der rechten Seite Platanen und auf der linken Seite Linden gepflanzt? Während er noch darüber nachdachte, hatte er schon den Platz am Ende der Straße erreicht. Ein Platz mit einer großen Mittelinsel, auf der einige Linden standen. Zwischen ihnen thronte die prächtige, grünlich schimmernde Figur eines Ebers, umsäunt von einer tiefgrünen Rasenfläche, in der einige gelbe Blüten wie Sommersprossen funkelten.
Jedes
Mal, wenn er den Platz erreichte, hatte er das Gefühl, der Eber würde
an einer anderen Stelle stehen. Als würde er nachts durch die Straßen
laufen, auf der Suche nach etwas Essbarem, um dann morgens wieder zwischen den
Linden zu stehen. Um sich herum den tosenden Autoverkehr, den er regungslos
beobachtete.
Der Junge
bog um die Ecke und genoss es, auf den letzten Metern nicht mehr treten zu müssen,
da die Straße in einer sanften Kurve den Berg hinabführte. Der Fahrtwind
kühlte seine von der Sonne noch angewärmte Haut. Genau das richtige
Wetter für ein Eis bei Eis-Hennig, in dem gelben Haus unten im Ort.
Dort hatte
er sie das erst Mal getroffen. Sie stand vor ihm in der Schlange, ihre schwarzen
lockigen Haare zu einem Zopf gebunden, das Geldstück für den Eisbecher
fest in der Hand haltend. Schüchtern bestellte sie einen 50-Pfennig-Becher
mit Vanille-Eis. Kugeln gab es bei Eis-Hennig keine. Man bezahlte die Becher
nach ihrer Größe und konnte sie beliebig vom Eisverkäufer füllen
lassen.
Während sie ihren Eisbecher nahm, trafen sich ihre Augen. Der Junge blieb
wie versteinert stehen, so verzaubert hatte ihn der Anblick ihrer braunen Augen.
Als sie den Laden verließ, drehte sie sich noch einmal um und schenkte
ihm ein bezauberndes Lächeln.
"Und
was bekommst Du, junger Mann?"
Er wurde
aus seinen Gedanken gerissen und blickte den Verkäufer mit großen
Augen an.
"...einen
1,50-DM-Becher mit Schakalode bitte." stotterte er. Als der Eisverkäufer
ihm das Wechselgeld gab, lächelte der Mann geheimnisvoll.
"Du
wirst sie wiedersehen." sagte er. "Nicht in einem Jahr, nicht in fünf
Jahren, Du wirst sehr lange warten und eine Menge Geduld aufbringen müssen!"
In den folgenden
Tagen erfuhr er, dass sie am Ende seiner Straße wohnte. In einem efeuberankten
Eckhaus mit Blick auf die Figur des wild dreinblickenden Ebers. Aber so oft
er auch mit seinem Fahrrad um ihn herum fuhr, er sah sie nie wieder. Auch der
Eber vermochte es ihm nicht zu verraten, wenn er im Winter um ihn herumtollte
und direkt vor ihm einen Schneemann mit einer dicken Mohrrübe im Gesicht
baute. Selbst im Spätsommer, wenn der Eber inmitten einer Samba-Band stand,
die beim jährlich stattfindenen Marathon die Läufer auf den letzten
Kilometern anfeuerte, konnte er sie in der großen Zuschauermenge nicht
entdecken. Abends, wenn der um den Platz brausende Verkehr etwas abgenommen
hatte, stellte er sich neben den Eber und flüsterte ihm ins Ohr: "Ich
würde sie so gerne wiedersehen! Was soll ich bloß machen?"
Viele Jahre
später ging der Junge weg aus der Straße und zog in eine eigene Wohnung.
Ab und zu besuchte er noch seine Eltern, aber immer weniger fuhr er die Straße
hoch bis zum Platz. Inzwischen hatte er das orangefarbene Klapprad gegen ein
kleines schwarzes Auto eingetauscht, das er sich zu seinem 30. Geburtstag gekauft
hatte.
Im Frühling
beschlossen seine Eltern, im nächsten Sommer wegzuziehen, in ein kleines
Dorf vor den Toren der Stadt. Sie baten ihn, einige seiner persönlichen
Sachen abzuholen. Nicht viel, ein paar alte Fotos, das orangefarbene Klapprad,
ein paar seiner Briefe. Am letzen Tag vor dem Umzug besuchte er noch einmal
den Platz, in seinem Herzen das schmerzliche Gefühl, ein Stück seiner
Heimat und seiner Kindheit zu verlieren. In dem gelben Haus unten im Ort gab
es seit langem kein Eis mehr zu kaufen, schon vor Jahren war eine Bank mit einer
neuen Filiale eingezogen.
Er stoppte
den Wagen vor dem Zeitungsladen am Ende der Straße, wie immer auf der
rechten Seite, unter den Platanen. Nachdenklich blickte er auf die in der Abendsonne
funkelnde Figur des Ebers. Sie schien sich in den letzten fünfundzwanzig
Jahren nicht verändert zu haben und wirkte kein einziges Jahr älter.
Ein kleines Mädchen kletterte auf den Eber und winkte ihm zu. Er musste
lächeln, als er in den Laden ging, um noch schnell eine Tageszeitung zu
kaufen. Während er in den Zeitschriften blätterte, hörte er hinter
sich die Verkäuferin sagen:
"Heute
wird etwas Wunderbares geschehen."
Dabei lächelte
sie geheimnisvoll. Er blickte sie an. Was meinte sie damit? Während er
darüber nachdachte, hörte er von weitem die Rathausglocken läuten.
Mist. Er würde zu spät kommen. Die Hochzeitsfeier auf einem Schiff,
zu der er eingeladen war. Er nahm schnell die Zeitung und rannte zu seinem Auto.
Die Worte
der Verkäuferin im Zeitungsladen gingen ihm nicht aus dem Kopf. Gedankenverloren
blickte er auf seine Schuhe, als er zu der Anlegestelle des Schiffes ging, auf
dem die Feier stattfinden sollte. Hätte ich auch mal putzen können,
dachte er sich.
Als er seinen Kopf wieder hob, blickte er direkt in ihre braunen Augen. Und
hatte sofort das Gefühl, er würde sie schon sein ganzes Leben lang
kennen. Wie im Zeitraffer wurde sein Leben vor seinen Augen zurückgespult.
Er sah sich als kleinen Jungen bei Eis-Hennig mit einem riesigen Eisbecher in
der Hand.
Sie lächelte
ihn an.
Es war das
gleiche Lächeln, das ihn als kleinen Jungen verzaubert hatte. Und er wusste
es sofort. Das Mädchen am Ende der Straße. Er lächelte zurück.
Es war etwas Wunderbares geschehen.