Das Mädchen am Ende der Straße
Eine Kurzgeschichte von Christopher Weiß © 2006

"Ich fahre nochmal kurz runter in den Ort". Ehe seine Mutter etwas antworten konnte, hatte er schon die Tür ins Schloss geworfen und sich auf sein neues Klapprad geschwungen. Stolz blickte er auf das neue orangefarbene Fahrrad, das er letzte Woche zum Abschluss der 1. Klasse bekommen hatte. Die Schatten seiner wild auf den Pedalen wirbelnden Füße verschmolzen auf dem Gehweg mit dem lustigen Schattenspiel der Bäume und ihrer Blätter.

Als er den Berg hinaufradelte, blickte er an den Bäumen hoch, die rechts und links der Straße standen. Merkwürdig, warum hatten sie auf der rechten Seite Platanen und auf der linken Seite Linden gepflanzt? Während er noch darüber nachdachte, hatte er schon den Platz am Ende der Straße erreicht. Ein Platz mit einer großen Mittelinsel, auf der einige Linden standen. Zwischen ihnen thronte die prächtige, grünlich schimmernde Figur eines Ebers, umsäunt von einer tiefgrünen Rasenfläche, in der einige gelbe Blüten wie Sommersprossen funkelten.

Jedes Mal, wenn er den Platz erreichte, hatte er das Gefühl, der Eber würde an einer anderen Stelle stehen. Als würde er nachts durch die Straßen laufen, auf der Suche nach etwas Essbarem, um dann morgens wieder zwischen den Linden zu stehen. Um sich herum den tosenden Autoverkehr, den er regungslos beobachtete.

Der Junge bog um die Ecke und genoss es, auf den letzten Metern nicht mehr treten zu müssen, da die Straße in einer sanften Kurve den Berg hinabführte. Der Fahrtwind kühlte seine von der Sonne noch angewärmte Haut. Genau das richtige Wetter für ein Eis bei Eis-Hennig, in dem gelben Haus unten im Ort.

Dort hatte er sie das erst Mal getroffen. Sie stand vor ihm in der Schlange, ihre schwarzen lockigen Haare zu einem Zopf gebunden, das Geldstück für den Eisbecher fest in der Hand haltend. Schüchtern bestellte sie einen 50-Pfennig-Becher mit Vanille-Eis. Kugeln gab es bei Eis-Hennig keine. Man bezahlte die Becher nach ihrer Größe und konnte sie beliebig vom Eisverkäufer füllen lassen.
Während sie ihren Eisbecher nahm, trafen sich ihre Augen. Der Junge blieb wie versteinert stehen, so verzaubert hatte ihn der Anblick ihrer braunen Augen. Als sie den Laden verließ, drehte sie sich noch einmal um und schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln.

"Und was bekommst Du, junger Mann?"

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen und blickte den Verkäufer mit großen Augen an.

"...einen 1,50-DM-Becher mit Schakalode bitte." stotterte er. Als der Eisverkäufer ihm das Wechselgeld gab, lächelte der Mann geheimnisvoll.

"Du wirst sie wiedersehen." sagte er. "Nicht in einem Jahr, nicht in fünf Jahren, Du wirst sehr lange warten und eine Menge Geduld aufbringen müssen!"

In den folgenden Tagen erfuhr er, dass sie am Ende seiner Straße wohnte. In einem efeuberankten Eckhaus mit Blick auf die Figur des wild dreinblickenden Ebers. Aber so oft er auch mit seinem Fahrrad um ihn herum fuhr, er sah sie nie wieder. Auch der Eber vermochte es ihm nicht zu verraten, wenn er im Winter um ihn herumtollte und direkt vor ihm einen Schneemann mit einer dicken Mohrrübe im Gesicht baute. Selbst im Spätsommer, wenn der Eber inmitten einer Samba-Band stand, die beim jährlich stattfindenen Marathon die Läufer auf den letzten Kilometern anfeuerte, konnte er sie in der großen Zuschauermenge nicht entdecken. Abends, wenn der um den Platz brausende Verkehr etwas abgenommen hatte, stellte er sich neben den Eber und flüsterte ihm ins Ohr: "Ich würde sie so gerne wiedersehen! Was soll ich bloß machen?"

Viele Jahre später ging der Junge weg aus der Straße und zog in eine eigene Wohnung. Ab und zu besuchte er noch seine Eltern, aber immer weniger fuhr er die Straße hoch bis zum Platz. Inzwischen hatte er das orangefarbene Klapprad gegen ein kleines schwarzes Auto eingetauscht, das er sich zu seinem 30. Geburtstag gekauft hatte.

Im Frühling beschlossen seine Eltern, im nächsten Sommer wegzuziehen, in ein kleines Dorf vor den Toren der Stadt. Sie baten ihn, einige seiner persönlichen Sachen abzuholen. Nicht viel, ein paar alte Fotos, das orangefarbene Klapprad, ein paar seiner Briefe. Am letzen Tag vor dem Umzug besuchte er noch einmal den Platz, in seinem Herzen das schmerzliche Gefühl, ein Stück seiner Heimat und seiner Kindheit zu verlieren. In dem gelben Haus unten im Ort gab es seit langem kein Eis mehr zu kaufen, schon vor Jahren war eine Bank mit einer neuen Filiale eingezogen.

Er stoppte den Wagen vor dem Zeitungsladen am Ende der Straße, wie immer auf der rechten Seite, unter den Platanen. Nachdenklich blickte er auf die in der Abendsonne funkelnde Figur des Ebers. Sie schien sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren nicht verändert zu haben und wirkte kein einziges Jahr älter. Ein kleines Mädchen kletterte auf den Eber und winkte ihm zu. Er musste lächeln, als er in den Laden ging, um noch schnell eine Tageszeitung zu kaufen. Während er in den Zeitschriften blätterte, hörte er hinter sich die Verkäuferin sagen:

"Heute wird etwas Wunderbares geschehen."

Dabei lächelte sie geheimnisvoll. Er blickte sie an. Was meinte sie damit? Während er darüber nachdachte, hörte er von weitem die Rathausglocken läuten. Mist. Er würde zu spät kommen. Die Hochzeitsfeier auf einem Schiff, zu der er eingeladen war. Er nahm schnell die Zeitung und rannte zu seinem Auto.

Die Worte der Verkäuferin im Zeitungsladen gingen ihm nicht aus dem Kopf. Gedankenverloren blickte er auf seine Schuhe, als er zu der Anlegestelle des Schiffes ging, auf dem die Feier stattfinden sollte. Hätte ich auch mal putzen können, dachte er sich.
Als er seinen Kopf wieder hob, blickte er direkt in ihre braunen Augen. Und hatte sofort das Gefühl, er würde sie schon sein ganzes Leben lang kennen. Wie im Zeitraffer wurde sein Leben vor seinen Augen zurückgespult. Er sah sich als kleinen Jungen bei Eis-Hennig mit einem riesigen Eisbecher in der Hand.

Sie lächelte ihn an.

Es war das gleiche Lächeln, das ihn als kleinen Jungen verzaubert hatte. Und er wusste es sofort. Das Mädchen am Ende der Straße. Er lächelte zurück. Es war etwas Wunderbares geschehen.