Etwas war anders. Die Tür war abgeschlossen. Aber zum Glück passte sein Wohnungsschlüssel auch hier. Er musste irgendwo in seiner Hosentasche sein. Beim Suchen blickte er erst auf die weiß gestrichene Holzlattentür und dann an der Fassade seines Hauses hoch.
Er wohnte in einem Haus, das man normalerweise nur als Autofahrer kannte. Es lag direkt an der Autobahn, inmitten eines nie enden wollenden Lärmschwalles, hervorgerufen durch den Molloch Stadtautobahn mit seinem unermüdlichen Strom an Autos, die wie Ameisen auf einer Ameisenstraße die Innenstadt mit Leben erfüllten. Am Abend aber zeigte es sein schönstes Gesicht. Die von vielen verschiedenfarbigen Klinkersteinen gesäumte Fassade funkelte in violett bis golden, als wollte sie die tief stehende Abendsonne wie eine Sonnenblume anlächeln.
Jeden
Morgen auf dem Weg zur Arbeit ging er an diesem weißen Haus vorbei. Es
war so ganz anders als die etwas zu streng geratene Hoffassade seines Hauses.
Im Gegensatz zur lärmumtosten Autobahn war es im Innenhof ganz ruhig. Morgens
schien die Sonne in sein Zimmer und weckte ihn mit einem Schattenspiel der Blätter,
das durch die vor seinem Fenster stehenden großen Bäume erzeugt wurde.
Wie ein Schwarm von kleinen Vögeln tanzten sie dabei an seiner weiß
gestrichenen Wand.
Das weiße Haus war etwas Besonderes. Er konnte sich nicht vorstellen, dass der Vermieter wirklich nur ganz profan hier die Mülltonnen unterstellen wollte. Die weiß gestrichene Holzverschalung war ganz mit Pflanzen bewuchert, und in der Mitte stand sogar ein Baum, der durch die Dachkonstruktion wuchs.
Endlich hatte er den Schlüssel gefunden. Er stellte den Müllbeutel ab, steckte den Schlüssel ins Schloss. Öffnete die Tür, warf die Müllbeutel in die Container und blickte sich um. Klick. Die Tür hinter ihm war ins Schloss gefallen. Mist. Er rüttelte an der Tür. Natürlich verschlossen. Und dummerweise ohne Schloss an der Innenseite. Na, das ist mal wieder typisch, dachte er sich, gefangen im weißen Müllhaus! Er blickte auf die Uhr. 8 Uhr 45. Eigentlich wollte er um 9 Uhr im Büro sein. Das konnte er jetzt wohl vergessen.
Merkwürdig. Das Vogelgezwitscher, das er so in seinem Hof mochte, war hier viel lauter. Und überhaupt. Alles war viel intensiver. Der Duft von Rosen und frisch gemähtem Gras. Gar kein Gestank von Mülltonnen. Er schaute sich um. Inmitten zwischen den Mülltonnen stand dieser riesige alte Baum. Seine weit verzweigten Äste verloren sich in einem endlos scheinenden Gewirr aus weiteren Ästen, an denen wiederum kleine Zweige hingen. Das Dach des weißen Hauses hatte extra für ihn ein quadratisches Loch bekommen. Um den Stamm herum war exakt in der Größe des Loches eine Rasenfläche mit einem Meer an Blumen angelegt, die sich sanft im Wind hin und her bewegten.
Er rüttelte nochmal an der Tür. Nichts passierte. Verdammt, dachte er und blickte nach oben. Sollte er etwa den Stamm erst hochklettern und dann durch das Loch im Dach steigen? Sein Blick wanderte am Stamm herunter. Auf Augenhöhe sah er auf einmal eine Fuge, ganz klein, mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen. Ganz im Gegensatz zu der Türklinke, die außerdem am Stamm befestigt war. Merkwürdig, dachte er. Eine Türklinke an einem Baum. Das hatte er noch nie gesehen. Zaghaft drückte er sie herunter. Wahnsinn. Eine Tür in einem Baum. Anscheinend war sie lange Zeit nicht benutzt worden, denn sie quietschte mit einem Höllenlärm. Der Hausmeister sollte besser mal die Scharniere ölen, dachte er sich.
Hinter
der Tür befand sich eine Wendeltreppe, die in die Erde führte. Langsam
tastete er sich vorwärts, schließlich war es stockdunkel. Nicht nur,
dass diese Türklinke ihn überrascht hatte, nein, das ganze hier war
noch viel merkwürdiger. Eine Wendeltreppe, ein daran anschließender
Gang und wiederum eine Wendeltreppe, die nach oben führte. Überflüssig
zu sagen, dass sich am oberen Ende der Wendeltreppe eine Tür mit Türklinke
befand. Ihn wunderte nun nichts mehr, und er klopfte an die Tür. Nichts
rührte sich. Er klopfte nochmal und öffnete die Tür. Überrascht
blickte er sich um, als er erkannte, dass er direkt aus einem der Bäume
kletterte, die vor den Fenstern seiner Wohnung standen.
In den folgenden Wochen stieg er immer wieder in den geheimnisvollen Stamm im weißen Haus, nachdem er seinen Müll weggeworfen hatte und sich sicher war, dass ihn niemand sah. Hinab in die Gänge, die sich im Erdreich seines Hofes befanden. Verblüfft entdeckte er, dass er jedesmal aus dem Stamm eines anderen Baumes krabbelte. Unerschöpflich schien die Menge an Möglichkeiten, vom weißen Haus aus die anderen Bäume zu erreichen.
Eines hatte
er aber noch nicht herausgefunden. Gleich hinter dem Container für das
Grünglas, der ganz hinten in der Ecke des weißen Hauses stand, entdeckte
einen kleinen Bach mit einem Steg, an dem ein Boot festgemacht war. Er schaute
sich um, machte beherzt einen Sprung in das Boot und fing an zu rudern...
Der geheimnisvolle Baum und das weiße Haus befinden sich im Hof in der Seesener Straße 70a-f in Wilmersdorf, direkt am S-Bhf. Hohenzollerndamm. Ab und zu kann man den Autor dieser Geschichte dort antreffen, wenn er seinen Müll wegbringt...