Freitag Morgen, 8:00 Uhr, im Badezimmer läuft das Radio. Das übliche: Nachrichten, Gewinnspiele, Wetter, Musik zum Wachwerden. Meistens jedenfalls.
Zwischen Rasieren und Zähneputzen dann ein etwas ruhigeres Stück: eine leise Gitarre, Klavier, Violinen, klingt nach Norah Jones, aber irgendwie doch nicht. Er hält die Zahnbürste in die Luft - na, gut, das Zahnpasta-Gekleckere auf dem Boden kann man ja wegwischen - um den Rest des Textes noch mitzubekommen...
"How
can happiness feel so wrong?"
"How can misery feel so sweet?"
Da ist es! Das ultimative Lied zum unglücklich Verliebtsein. Dieses Wechselbad der Gefühle, dieses ständige hin- und hergerissen sein. Im ersten Augenblick glücklich, aber eigentlich doch unglücklich glücklich, weil die Angebetete leider ganz andere Gedanken hat...
Montag Morgen, 7:00 Uhr. Sie hat Geburtstag. Er hatte sich alles so schön ausgedacht. Extra früh aufgestanden, um die Ecke zum Blumenladen gelaufen, die Blumenhändlerin mit einem breiten Grinsen und diesen merkwürdigen, in die Ferne gerichteten Augen um eine einzige rote Rose gebeten.
Es lief alles perfekt. Direkt vor ihrem Haus elegant in eine Parklücke eingeparkt - und das in einer Straße, wo eigentlich noch nicht einmal in zweiter Spur ein Platz zu finden ist! Er schaut nach oben: Dort oben wohnt sie, im vierten Obergeschoss.
Der Gedanke kommt ihm: "Was machst Du hier eigentlich?" Da fallen ihm wieder die Textzeilen von Katie Melua ein: "Feeling twenty-two, acting seventeen..." Gut, er selber steht jetzt hier vor Ihrer Tür, mit einer Rose in der Hand. 8:00, 9:00. Wo bleibt sie?
Langsam sind seine Hände schon ganz blaugefroren. Er kann immer nur eine Hand in die Tasche stecken, die andere muss schließlich die Rose halten. 9:20 Uhr. Er wird unruhig.
Dann!! Die Tür geht auf, sie kommt raus, sieht bezaubernd aus wie immer! Er will schon losstürmen, als er erkennt, dass sie nicht alleine herauskommt! Ein anderer Mann! Im Bruchteil einer Sekunde rasen Tausende von Gedanken durch seinen Kopf. Was soll er machen? Umdrehen? Nein, einen Rückzieher würde er sich nie verzeihen!
Also den Überraschungseffekt ausgenutzt, die Rose überreicht, ein Geburtstags-Kuss auf die Wange gehaucht und "Herzlichen Glückwunsch" gemurmelt. Er wäre am liebsten im Erdboden versunken, so peinlich war ihm die Situation. Er wusste gar nicht, wo er hinsehen sollte und meinte nur noch: "Ich geh' dann mal", um dann schnell ins Auto zu springen und loszufahren.
Wochenlang konnte er sich im Spiegel selber nicht in die Augen blicken vor Scham. Und auf der Straße hatte er immer das Gefühl, dass die Leute hinter seinen Rücken mit dem Finger auf ihn zeigen...
Donnerstag Abend, 22:00 Uhr. Er starrt mal wieder an die Decke und hängt seinen Gedanken hinterher, inzwischen kennt er schon jeden noch so feinen Riss und jeder Bauleiter würde vor Neid erblassen bei seinem scharfen Blick.
Das erste Mal wieder in den Spiegel geschaut. Und die CD von Katie Melua gekauft.
"Warum tust Du das alles?" fragt er sich.
Eins weiß er jetzt: Er hatte es keine Sekunde bereut und würde es jederzeit wieder tun. "How can misery feel so sweet...".
"Ich
glaube," sagt er leise zu sich, "ich höre das Lied gleich nochmal
."