Wie Deutschland durch meinen Dachschaden doch noch Fußballweltmeister wurde
Eine Kurzgeschichte von Christopher Weiß © 2006

In meiner Nachbarschaft passieren wahrlich sonderbare Dinge. Mein Name ist Spitzdach, und ich bewohne ein kleines Einfamilienhaus in Kleinmachnow, einer Gemeinde vor den südlichen Toren Berlins. Ich vermute, dass diese sonderbaren Dinge mit dem Wetter zu tun haben. Wir haben Mitte März, und in Berlin ist der Frühling abgeschafft. Der Winter wird wohl vermutlich gleich in den nächsten Winter übergehen. Die Vögel haben das anscheinend nicht mitbekommen. Sie kommen in Scharen aus dem Süden zurück nach Deutschland, weil sie denken, dass hier der Frühling begonnen hat.

"Herr Spitzdach," sagt mein Nachbar Herr Untermieter zu mir, "ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass bei uns im Ort soviele Handwerker rumlaufen?"

"Nein, noch nicht" antworte ich ihn und richte sorgenvoll meinen Blick nach oben, "aber mir ist aufgefallen, dass es tagsüber immer so schwarz am Himmel ist. Das muss an den vielen Vögeln liegen, die aus dem Süden zurückgekehrt sind!"

Ich stehe am Gartenzaun und beobachte andächtig unsere kleine Straße, in der viele kleine putzige Häuser stehen. Alle Häuser haben ein Flachdach. "Ein Haus mit ohne Dach! Ein richtiges Haus muss ein steiles Dach haben. Basta!" sagt mein Nachbar immer verächtlich dazu. Ich schaue genauer hin. Vor jedem Haus steht ein kleiner Transporter von der Sorte, die gerne von Handwerkern gefahren werden. Auf allen Autos steht mit großer Schrift: "Firma Keller - Wir reparieren auch Ihr Dach!".

"Merkwürdig," denke ich zu mir, "warum stehen hier soviele Autos von Handwerkern, die Dächer reparieren?"

"Tock, tock, tock". Ich schrecke hoch und schaue auf die Uhr neben meinem Bett. Es ist 4:30 Uhr in der Früh. Merkwürdige Geräusche dringen von der Decke an mein Ohr. Als ob jemand mit einem spitzen Hammer ganz laut auf mein Dach schlägt. "Tack, tack." macht es wieder. Anschließend ist ein Rollen zu hören. Ein Rollen wie bei einer Bowling-Bahn. Spielt wohlmöglich jemand Bowling auf meinem Dach? Ich schlafe ein, während ich darüber sinniere.

Als ich am nächsten Tag zum Einkaufen gehe, traue ich meinen Augen nicht. Das Handwerkerauto-Phänomen, das ich tags zuvor in meiner Straße beobachtet hatte, erscheint mir nun überall in ganz Kleinmachnow! Vor jedem Haus steht ein Wagen der Firma Keller. Was geht hier vor sich? Warum verdammt nochmal müssen hier überall die Dächer repariert werden?

Mein Handy klingelt. Es ist Herr Untermieter. Er redet ganz hektisch, und ich verstehe nur die Wörter Fußball, Elster und Dach. Als ich nach Hause komme, werde ich schon erwartet. Dass vor meinem Haus nun auch ein Wagen der Firma Keller steht, wundert mich nicht mehr. Warum sollte mein Haus verschont werden von den unerklärlichen Dachschäden in der Umgebung.

Ich sehe nach oben. Auf meinem Dach wuseln drei Handwerker herum, die aufgeregt mit den Armen rumfuchteln und abwechselnd Walnüsse und Reste von einer anscheinend abgenommenen Dachbahn hochhalten.

"Herr Spitzdach," sprudelt es ganz aufgeregt aus dem Mund von meinem Nachbarn heraus, "Sie haben Besuch! Er sitzt hinten - nun, ja, wie soll ich es sagen - bei Ihnen im Baum und will Sie unbedingt sprechen!"

Ich schaue ihn verwirrt an.

"Wer will mich sprechen und sitzt auf einem Baum? Sind Sie nicht ganz bei Trost?"

"Doch, doch!". Seine Augen fangen an zu leuchten, als er mit stolzer Stimme sagt: "Es ist doch wegen der Fußballspiele!"

Den Rest seines Satzes höre ich schon nicht mehr. Ich laufe in den hinteren Teil meines Gartens zu der alten Eiche und blicke nach oben. Auf dem untersten Ast sitzt eine dicke, fette Elster, ungefähr so groß wie ein zehnjähriges Kind. Ich reibe mir die Augen. Nicht nur, dass ich verwundert die zugegebenermaßen ungewöhnliche Größe des Vogels anstarre - nein, dieser Vogel trägt auch noch ein Trikot mit einer großen "2" auf der Rückseite.

Ich öffne meinen Mund, bekomme aber keinen Laut heraus vor Überraschung. Ganz im Gegensatz zu der fetten Elster, die auf einmal zu sprechen anfängt:

"Es tut mir leid mit dem Dach. Aber Ihres war das letzte, das noch nicht durchlöchert war. Wissen Sie, es ist nicht leicht, gute Trainingsplätze zu finden. Die Dächer von heute halten einfach nichts mehr aus!"

Die Elster plustert sich entrüstet auf und schüttelt ihren Kopf darüber so sehr, dass der Schnabel an die anderen Äste mit einem lauten "Klong klong" schlägt.

"Aber..." antworte ich, "wofür brauchst.... ähm..... brauchen Sie einen Trainingsplatz?"

Ich war mir nicht sicher, ob ich die Elster Duzen oder Siezen sollte.

"Na, für die Fußball-WM!" Wieder plusterte sich die Elster auf. "Woher sollten wir denn wissen, dass es hier noch so kalt ist? Der Boden ist gefroren, die Bäume haben noch keine Blätter, es gibt kein Futter. Nur ein ein paar übrig gebliebene Walnüsse vom letzten Herbst"

Die Elster schüttelt sich angeekelt. Vermutlich sind solche alten Walnüsse nicht besonders schmackhaft oder Elstern in kulinarischer Hinsicht anspruchsvoller, als man zunächst denken könnte.

"Eines Tages," fuhr sie fort, "saßen wir auf dem Dach von Herrn Untermieter und fingen an, außer lauter Langeweile mit den Walnüssen Fußball zu spielen. Leider ist es so, dass wir manchmal die Walnuss verfehlen und mit dem Schnabel aus Versehen in die Dachbahn picken. Zu oft können wir das nicht machen, denn irgendwann regnet es rein und die Hausbesitzer rufen dann eine Firma an, die dann das Dach repariert. Wir können dann natürlich nicht mehr trainieren."

Ich nicke verständnisvoll, um im gleichen Augenblick den Kopf darüber zu schütteln, weil mir fußballspielende Elstern auf den Dächern Kleinmachnows einfach zu absurd erscheinen.

"Erst letzte Woche haben wir auf dem Dach von Frau Zwischengeschoss ein Testspiel gegen die französische Nationalmannschaft gewonnen. Gegen die echten Fußballer natürlich, nicht gegen irgendwelche französischen Amseln!"

Ich bin verwirrt. Und erschrocken. Die Elster erzählt mir davon, wie sie in den letzten Monaten mit den anderen Vögeln sämtliche Testspiele gegen alle europäischen Nationalmannschaften gewonnen hatte. Davon, wie sie mit den anderen Amseln und Spatzen aus unserem Ort die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen will! Sollte es wirklich so kommen? Sollten ein paar fette Vögel, die auf meinem Dach mit Walnüssen spielen, wirklich die Fußball-WM gewinnen?

Vier Monate später schalte ich den Fernseher ein. Deutschland ist Fußball-Weltmeister geworden. Von irgendwelchen Fußball-Elstern ist keine Rede. Anscheinend hatten die Vögel nach meinem Dachschaden keine anderen Dächer mehr zum Trainieren gefunden und ihre Fußballer-Karriere beendet.

"Klong, klong" macht es auf meinem Dach. Ich schaue aus dem Fenster und sehe tausende von Elstern über den Dächern Kleinmachnows. Ich glaube, die Deutschen müssen sich in vier Jahren bei der Fußball-WM verdammt warm anziehen...